Hanf-Genossenschaft
Rainer Nowotny, Prenzlau, 2013
Die Hanf-Genossenschaft ist eine Wirtschaftsgenossenschaft, das heißt, sie ist ein fast normaler Wirtschaftsbetrieb mit genossenschaftlicher Führungs- und Eigentumsform.
Nun ist jedoch das Genossenschaftsgesetz ursprünglich und auch noch heute ausgelegt auf 1. Einkaufs- und Verkaufs-, 2. Vermögens- (Windräder-, Immobilien-) und Landeigentümergenossenschaften (Agrar), 3. Kredit-Genossenschaft (Raiffeisen etc.) und 4. genossenschaftliche Zusammenschlässe von Handwerkern und Freiberuflern.
Wir aber glauben, dass neben der Organisationsform von Konsum und Vermögensverwaltung besonders und grundlegend die Organisationsform von Produktion und Wertschöpfung das Wesen unseres Gemeinwohls bestimmt.
In Deutschland nur noch selten anzutreffend sind Milchgenossenschaften, Brennereien und Winzergenossenschaften (letztere noch relativ zahlreich), die landwirtschaftliche Produkte abfüllen und erstverarbeiten.
Wir sind angetreten, mit der Hanf-Genossenschaft die Industrie-Genossenschaft zu etablieren; der heutigen Zeit die genossenschaftliche Idee für eine moderne Industrie- und Informationsgesellschaft anheim zu stellen.
Industrielle Wirtschaft ist zunächst eine äußere Form von Schaffen. Die Hanf-Genossenschaft schafft zunächst einmal Produkte.
Produkte aber müssen entwickelt und später hergestellt und optimiert werden. Diese Prozesse sind nun kulturelle Leistungen.
Produkte aus Hanf und anderen Nachwachsenden Rohstoffen sind unsere Aufgabe!
Arbeitsplätze schaffen wir in der eigentlichen Wertschöpfung, also beim Herstellen von Gebrauchswerten, die durch Handel und Vertrieb zu Waren des Marktes werden - Produkte werden erst öffentlich durch den Markt.
Genossenschaft ist nach deutschem Recht eine Unternehmensform unter vielen, deren Aufgabe das wirtschaftliche Überleben und darüber die wirtschaftliche Entwicklung ist.
Eine einzelne Genossenschaft wird kein System verändern.
Aber eine Genossenschaft kann eine Vision beinhalten und eine Möglichkeit zur Selbsthilfe, unabhängig vom Hoffen auf politische Veränderungen.
Aus einer solchen Vision können sich vielleicht Keimzellen für eine politische Wende entwickeln.
Eigentum
Nach dem bürgerlichen Gesetz ist derjenige Eigentümer über Produktionsmittel, also insbesondere über Fabriken, auf dessen ursprüngliches Eigentum entweder der Anfang beruhte und auf dessen Namen Kredite und andere Finanzierungen ausgelobt wurden, oder der, welcher Produktionsmittel vom vorherigen Eigentümer übernahm, durch Kauf, Erbe oder Überschreibung.
Doch spiegelt sich in Eigentums-Rechten nicht die Schaffung des Besitzes wider. Denn wer, so Brecht, "erbaute das siebentorige Theben?"
Eigentum an gesellschaftlichen Produktionsmitteln ist stets gesellschaftlich erworben.
Nicht Tisch und Bett und Herd = das sind klare private Eigentumsdinge, privat erwirtschaftet und privat genutzt.
Uns interessieren Produktionsmittel wie Fabriken und Kraftwerke. Gleiches gilt für Warenhäuser und Banken, sie besitzen und verwalten vergegenständlichte Werte, Kapital und Kapitaläquivalente, die gesellschaftlich erarbeitet wurden.
Da nun die Produktionsmittel durch die Arbeiter, Angestellte, Techniker, Wissenschaftler und Führer, aber auch von den vielen zuarbeitenden Gewerken geschaffen, finanziert und zum erfolgreichen Wirtschaften entwickelt wurden, kann der bürgerliche Privatbesitz diese Tatsache nicht widerspiegeln. Hier verbirgt sich ein grundlegender Widerspruch unserer Gesellschaft.
Ansatzweise nur kann der Genossenschaftsgedanke hier ein Modell entwickeln, wie dieser Widerspruch in späteren Tagen aufgelöst werden kann.
Besitz ist nichts. Verantwortung ist alles.
Durch eine Genossenschaftsform sind Verhökern und Verscherbeln, also die Marktfreiheit am Unternehmenseigentum stark reguliert, und auch der in diesem Zusammenhang stehende Kapitalhandel. Unter derzeitiger Gesetzeslage in unserer derzeitigen Gesellschaft ist der Markt des Unternehmenseigentums eine spezielle Form des Kapitalhandels. Eine Genossenschaft entzieht sich weitestgehend diesem Kapitalhandel.
Neue Industrielle Kooperation
Wir brauchen nicht nur Produktion, wir brauchen industrielle Innovation.
Es gibt genossenschaftliches Konsumieren und Beschaffen, es gibt genossenschaftliches Sparen und Finanzieren, es gibt genossenschaftliches Nutzen und Wohnen, es gibt genossenschaftliches Besitzen und Nießen, und es gibt Arbeits- und Industriegenossenschaften. Letzteren gilt unser Interesse.
Arbeitsgenossenschaften des Handwerks von Elektrikern bis zu Metzgern, sowie genossenschaftliche Zusammenschlüsse von Advokaten, Apothekern, IT-Spezialisten usw. sind feste Bestandteile des Überlebenswillens kleinerer Selbständigkeiten. Wir als Industriegenossenschaften haben uns der Selbständigkeit von Produktionsstandorten verschrieben, die Grundlage eines Umbaus der Wirtschaftsstruktur sein kann.
Josip Broz Tito wollte die Idee der Assoziation freier Produzenten umsetzen, indem die Fabriken kooperativ zu führen sind und Eigentumsrechte ausschließlich Resultat von Arbeit sein sollen. Damit wäre die Induktivität des Eigentumsübergangs gebrochen.
Die Vorbilder des Flammersfelder Hilfsvereins, des Hedderdorfer Darlehnskassenvereins und der Rheinischen Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank, sowie die Genossenschaftsbank-Ideen von Hermann Schulze-Delitzsch und Pierre Proudhon wurden in den regionalen Raiffeisen- und Volksbanken auch außerhalb Deutschlands umgesetzt, die sich in überregionalen Kooperationen vereinten. Innerhalb der Kooperationen gründeten sich einzelne Untergruppen als Marktteilnehmer für Bausparverträge, Versicherungen und ähnliches heraus, die exklusiv diese Geschäfte von den regionalen Banken übernehmen. Diese sind noch heute erfolgreiche Fallbeispiele dafür, wie selbständige genossenschaftliche Einheiten Marktzusammenschlüsse organisieren.
Doch lohnt sich IMMER ein weiter Blick in die Geschichte. Konnten genossenschaftliche Strukturen früher wirtschaftlich prosperieren?
Historische Vorbilder kooperativen, genossenschaftlichen Arbeitens
Eid der Kaufleute
Im Jahre 1138 zerstörte Pribislaw die (slawische) Burg Liubice = Alt-Lübeck. Adolf II. von Schauenburg, nach dem er Pribislaw verjagt hatte, gründete 1143 auf dem Werder das "neue" Lübeck. Dieses Jahr und dieser erste deutsche Ostseezugang gilt als Ursprung der Hanse (*1). Doch eigentlich war es der Beginn einer Schwurgenossenschaft von Kaufleuten mit dem Ziel der Gleichstellung. Im neuen Lübeck siedelten sich niederrheinische, sächsische und friesische Koggenbauer, Seeleute und Kaufleute an, initiiert durch einen zusammenbrechenden Englandhandel infolge von Umweltkatastrophen am Unteren Rhein.
Es lockte der Ostsee-Fernhandel zu den Reichtümern über Reval, Riga und Nowgorod: Getreide, Holz, Wachs, Felle und Pelze, der lange den „Guttensern“, also Gotlandkaufleuten, vorbehalten war. Doch jede Reise barg ein erhebliches Risiko für Leib und Güter. So schlossen sich Personenvereinigungen unter Eid für gegenseitigen Schutz und Hilfepflicht unter den Kaufleuten. Dieser Eid, sie nannten sich Gilde, schloss auch die Fürsorge bei Schiffbruch, Verarmung nach Raub, Brand und Schicksalsschlägen ein.
Kern einer auf Eid gegründeten Genossenschaft war nicht nur das gemeinsame Handelsinteresse, sondern die gegenseitige Treue und Wahrung der Friedensordnung.
Fahrgenossenschaften zum Fernhandel verbanden nordische und europäische Rechtstraditionen, denen die Gilde der Guttenser und die dänische Knutsgilde vorangingen.
Das Aufkommen der Patriziergesellschaften im 13. Jahrhundert, die vornehmlich die städtischen Reichen verkörperten und als Vereine existierten, löst den Genossenschaftsgedanken im Fernhandel ab. Sie verkörpert die städtische Oberschicht ohne den Treueschwur auf gefahrvollen Fernhandelsreisen, abgelöst in gefahrlosen Fernhandelsgeschäften, in denen einziges Risiko der Verlust von Kapital durch minderwertige Geschäfte war. Die Hanse wandelte sich vom genossenschaftlichen Eid oder Schwur gegenüber der Unbill vieler Gefahren hin zum vorteilsbringenden Verein von Kapitalinteressen und der Herausbildung des Patiziats. Die Vitaleinbruderschaft (2) im 14. Jahrhundert kann als anarchistisches Aufbegehren dieses Wandels angesehen werden (3). 1494 schloss Zar Iwan III. das Hansekontor in Nowgorod.
Verteidigungsgemeinschaft freier Bauern
Im 15. Jahrhundert, Polen und Litauen dehnten sich von der Ostsee zum Schwarzen Meer, war nach dem Tod Amir Timurs (*4) das Mündungsgebiet des Dnjeprs, nördlich der Krim im Zuge von Plünderungen und Massakern nahezu unbewohnt. In dieser fruchtbaren Steppe siedelten Abenteurer, Armutsflüchtlinge aus Großpolen und Großlitauen, entlaufene russische Leibeigene sowie kriminell oder religiös Verfolgte.
Sie gründeten einen neuen Stand und nannten sich Kosaken, freie Steppen-Bauern in einem Militärbündnis vereint. Alle waren gleich, jedoch die Unverheirateten bildeten eine herrschende Kaste, was jede Erbfolge ausschloss. Ihre Militärvorgesetzten – die Hetmane – wurden stets gewählt.
Aufgabe dieser Kosakentruppen war die Verteidigung der Kosakensiedlungsgebiete zunächst gegen die Tataren aus dem Süden, zunehmend gegen Polen und Litauen. Immerhin fast zwei Jahrhunderte kann diese kooperative Verteidigungsgemeinschaft erfolgreich genannt werden. Erst nach einem niedergeschlagenen Aufstand gegen Polen 1648–1651 unter Hetman Bohdan Chmelnyzkyj schlossen sie 1654 ein Militärbündnis mit Russland und gaben damit ihre Unabhängigkeit auf.
Interessengemeinschaft der Teerfarbenfabriken
1903 war das Bestreben der sich seit 1865 rasant entwickelnden Chemieunternehmen zur Gemeinschaftsgründung von selbständigen Unternehmen gereift. Alle dachten an Interessen-Gemeinschaften unter Aufrechterhaltung größtmöglicher Selbständigkeit, hatten doch diese Unternehmen neben Teerfarben, Düngemitteln und anorganische Säuren zunehmend einen Schwerpunkt in synthetische Arzneimittel, nachdem Paul Ehrlich die Chemotherapie eingeführt hatte.
1904 schlossen sich die Farbwerke Cassella, Teerfarbenwerke Meister Lucius & Brüning (später Hoechst) zusammen, kurz darauf stieß die Chemische Fabrik Kalle dazu. Gleichzeitig schlossen sich BASF, Bayer und Agfa zusammen. Die führenden Entwickler der chemischen Industrie erkannten sehr bald, dass ein Konkurrenzkampf untereinander die technische und technologische Weiterentwicklung behindern würde, hingegen diente bereits der enge Erfahrungsaustausch zwischen BASF und der Teerfarbenfabrik Meister Lucius & Co. bei der Indigosynthese als Vorbild für ein gemeinsames Anliegen.
Die Vorstände Glaser, Brunck, von Rath, von Brüning, von Martius drangen auf noch mehr Zusammenschluss, da die chemischen Fabriken sich bedroht sahen durch die "gegen sie gerichtete Vereinigung der Lieferanten unserer Rohmaterialien" und "in unangenehmer Weise die Zusammenschlüsse von Abnehmern unserer Fabrikate" (5). Noch weiter ging Carl Duisberg, der das "Zusammenwerfen des Gesamtbesitzes der verschiedenen Firmen" anstrebte (6).
Weiter wurde neben dem Außerlandesbringen von Erfahrungen und dem einhergehenden Verlust des Vorsprungs und der Überlegenheit erkannt: "Endlich verlieren wir unsere beste Kraft im unproduktiven Streit auf dem Patentgebiet. […] Wenn erreicht werden könnte, dass wir durch [...] Zusammenschluss die Früchte unserer [Entwicklungs-] Arbeit [...] erhalten könnten, dann würde [...] der Einzelne ein gewisses Opfer durch Verlust der vollkommenen Unabhängigkeit bringen können“ (7).
Duisberg benannte neben dem kräftezehrenden Patentstreit noch folgende Missstände: "ruinöser Konkurrenzkampf, Unarten im Verkauf" (8).
1916 rückten die beiden Dreiergruppen noch näher zusammen, was die Innovationen nochmals beschleunigte, und fusionierten 1925 schließlich zur Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG.
Vistra-Vereinigung
Nachdem in den Jahren 1885–1899 die ersten Fabriken für Kunstseide aus merzerisierten Baumwoll-Linters entstanden, entwickelte ein Werk in Premnitz (1919/1920) eine vollsynthetische Faser aus 'chemisch zersetztem' Holz-Zellstoff. Nach großen Schwierigkeiten, diese Erfindung und die darauf basierten Fasern an den Markt zu bringen, nach einigen Zusammenschlüssen und Übernahmen erfolgte der kooperative Schritt der Vistravereinigung, der schließlich 1929 mit mehreren Baumwollspinnern zu einem Kartell der Markterschließung und Produktentwicklung zusammenwuchs, wobei sich Produktentwicklung auf Halbzeuge, im Wesentlichen Garne bezog.
Verbunden arbeiteten nun Erzeuger und Verarbeiter, also eine Vereinigung von Lieferant und gewerblichen Kunden (*9).
Die Qualität der Zellwollprodukte stand an vorderster Stelle der Gegenseitigkeit der Spinner, auch Gleichmäßigkeit der Faserlieferungen. Gegenstand war der Erfahrungsaustausch zwischen den Verarbeitern und den Zellwollproduzenten. Neue Methoden und Erfahrungen sollten allen zugute kommen, wodurch erhebliche Innovationssprünge und Qualitätssteigerungen in Garnen und Geweben erreicht wurden.
Ziel war die Senkung, also Konkurrenzfähigkeit des Faserpreises durch die Exklusivität von Lieferung und Bezug durch Lieferanten und Verarbeitern. Feste Garnpreise nach außen an die Weber sollte die Lieferkettenstabilität für die nächsten Verarbeiter in der textilen Kette gewährleisten.
Die Vereinbarung verpflichteten die Spinner, alle Kenntnisse und Erfahrungen, dem Hersteller, die spinnrelevanten Eigenschaften der Vistra an alle vereinigten Spinnereien weiterzuleiten, worauf umfangreiche chemo-technischen Produkt- und Verfahrensinnovationen zu Herstellungsverfahren von Mischgarne mit Baumwolle, Wolle, Flachs und Seide, Kreppgarn, Schappegarn, Spinnband, Zwirn und vielen Spezialprodukten für ein Spektrum vom Spitzenkleid bis zur Uniformjacke führte.
Sieben Jahre später wurde die Vistra-Vereinigung zum Vorbild, wonach die Gesellschaft "unter Beachtung der Konsumentengewohnheiten und des Wandels der Geschmacksrichtungen zweckmäßige und rohstoffsparende Güter" (*10) produzieren sollte.
Neue Industrielle Kooperation braucht zunächst moderne Produzenten
Modern ist ein Produzent nicht, wenn er stets in die modernsten und neuesten Produktionsmittel investiert, sondern wenn er die drängendsten Probleme der Zeit erkennt und angeht.
Waren während des industriellen Aufschwungs Deutschlands die sozialen Probleme der Proletarier drängender als alle anderen, fehlende finanzielle Versorgung bei Krankheit und Alter, unzureichende Schulperspektiven der Kinder und so weiter, waren es nach den Weltkriegen Korruption, Veruntreuung und politischer Drangsal über die Staatsgebilde hinaus bis in neue Kolonialabhängigkeiten und Lagerkämpfe zwischen Bündnissen militärischer Gewalt, so wird die heutige Zeit der Erschöpfung beherrscht durch Kämpfe um Rohstoffe und Wasser, die Verfüllung mit Müll und Beton, die Vergiftung des Bodens und der Luft, gepaart mit einer globalen Verschwendung von Ressourcen und der Zerstörung von Lebensräumen. Moderne Produzenten widmen sich diesen Aufgaben.
Grundsätzlich bleibt jedoch die Arbeit stets Quelle der menschlichen Entwicklung. Maschinen verrichten Arbeit, so wie ein Stein, den Berg herunter rollend, Sträucher entwurzelt. Maschinen stellen keine Produkte her, sie produzieren nicht.
Die Arbeiter, Maschinen führend, produzieren; sie stellen Produkte her.
Wer so Kind noch ist, glauben möchte, Maschinen werden arbeiten, Arbeiter werden singen, der hat noch nie sein zartes Universitätskissen verlassen. Er sollte schnellstens in eine richtige Fabrik fahren, um das Arbeitsleben kennenzulernen!
In jeder Fabrik, in jedem Büro, in jeder Innovationsgarage arbeiten Menschen miteinander, zumindest einander zu. Entwicklergeist ist etwas zutiefst Menschliches. Moderne Produzenten brauchten immer die kreativen Mitarbeiter.
Kollegen sind nicht so, wie man sie möchte. Alle beanspruchen ihrer individuellen Probleme und Einschränkungen. Man muss sie nehmen, wie sie sind, dann entfalten sie Kreativität und Fantasie.
Achtung fördert Mitdenken und Motivation. Kommunikation ist Aufgabe der Führung. Die Macher müssen präsent sein. Aus der Ferne ist nicht zu führen.
Eines der vielen Probleme unser Zeit ist die Steigerung des Überflusses. Das Wachstum bekam zur Vernichtung die Obsoleszenz. Aber Vernichtung und Obsoleszenz alter Güter beschert falsches Wachstum, das zwar Überfluss kennt, nicht aber Reichtum. Die Unterscheidung von Überfluss und Reichtum einer Nation verliert sich in der Selbstherrlichkeit des Individualismus.
Die Vervielfältigung von Wissen oder angewandtem Wissen, der Applikation, ist nicht neoliberal marktwirtschaftlich, genau darum wird das Urheberrecht zum größten Gut des Neoliberalismus und genau damit verdient man das meiste Geld.
Mittelalterliche Klöster betrieben eine Vorstufe der Applikationswirtschaft, indem sie Schriften vervielfältigten, ausgestalteten und archivierten. Zwar verbrauchten sie geringe Mengen an Rohstoffen, Pergament, Gänsefedern, Tinte und Kerzen, doch ist dieser Verzehr gegenüber den Applikationsergebnissen, den kostbaren Handschriften, zu vernachlässigen.
Applikationswirtschaft unterscheidet sich, trennt sie nicht nur inhaltlich sondern auch handwerklich, streng von Bank- und Finanzgeschäften, deren Geschäft ebenfalls Weitergabe und Vervielfältigung ist.
Die Weitergabe technischen Wissens und die Vervielfältigung angewandten Wissens ist stets Motivation der Vereinigungsbestrebungen von Produzenten.
Die Rückverfolgbarkeit von Lieferketten sollten auch ohne Lieferkettengesetz für jedes Unternehmen eine freiwillige Pflicht sein. Die Weitergabe von Besonderheiten, Erkenntnissen und Tricks sollte gerade an junge Unternehmen eine freiwillige Pflicht gestandener Unternehmer und Unternehmerinnen sein.
Überhaupt ist freiwillige Pflicht eine Form von Moral und Ehre.
Gruppen und Kollektive
Persönliche Motivation, die Hanffaser-Genossenschaft in eine kollektive Struktur einzubetten
Die Geschichte der Hanffaser Uckermark begann 1994/95 mit einer betriebswirtschaftlichen Machbarkeitsstudie und mündete am 01.04.1996 in eine Ein-Mann-GmbH. Parallel dazu (1995–1997) begann die Technologiekonfiguration in sehr konstruktiver Zusammenarbeit mit verschiedenen Maschinenbauern, die in eine technische Investition (1996–1998) führte. Mit dem Aufbau der ersten Fertigungsstrecke begann auch die Produktentwicklung und anschließend der Marktaufbau. Es folgte diverses Auf und Ab, bis 2002 nach Umfirmierung die Arbeit als Einzelunternehmen (mit unbeschränkter Haftung) weitergeführt wurde. In den Folgejahren bis 2013 konnten aus Herstellung und Vertrieb die Gründerkredite getilgt und die unternehmerische Position konsolidiert werden. Schließlich 2013, schuldenfrei und etabliert, gelang es, Mitstreiter zu sammeln, die an der Verantwortung teilnahmen, in Form einer Genossenschaft.
In den Jahren der privaten Eigentümerschaft am Unternehmen erkannte ich eine problematische Begrenzung der kooperativen Innovation. Zwar begleitete die Unternehmensgeschichte zahlreiche Innovationen, immer in Kooperationen zustande gebracht, doch erwiesen sich bald Grenzverläufe. Soll der langfristige Erfolg eines Unternehmens auf weit hinaus schauende Neuerungen und trendverändernde Entwicklungen beruhen, so bedarf es kollektiver Innovation, was auch kollektive Verantwortung verlangt. Verantwortung übernehmen, heißt Führung übernehmen.
Was ist die Aufgabe der Führung, des Vorstandes, des Obmanns – bezogen auf ein Unternehmen? Interessen der Eigentümer zu verfolgen? Die Rendite der Aktionäre? Die Wünsche der Gesellschafter?
Sollte es nicht vielmehr Verpflichtung sein, das zu führende Unternehmen sicher auf langfristigem Kurs zu halten; das eigentliche Ziel und die höheren Aufgaben streng zu wahren? Eine solche Pflicht müsste im Grundsatz dem Geldabfluss an die Eigentümer widersprechen.
Genossenschaften nach bürgerlichem Recht, wie auch Aktiengesellschaften, sind vergesellschaftetes Privateigentum, repräsentieren aber kein Gesellschaftseigentum, woraus sich aus kapitalistischer Sicht ergibt, dass die (kapitalistischen) Interessen der privaten Eigentümer (ohne Beschränkung der Allgemeinheit) auf einen möglichst hohen privaten Zugewinn abzielen. Dieser Zugewinn der Eigentümer fließt aber aus dem Unternehmen ab und schwächt dieses folglich.
Neben den "kapitalistischen" Interessen privater Eigentümer gibt es noch deren höhere Interessen, wie gesellschaftliche und generationsübergreifende Verantwortung, "Nachhaltigkeit" usw.
Ein finanzieller Abfluss aus dem Unternehmen durch Steuern oder staatliche Abgaben widerspricht ebenfalls der kapitalistischen Form der Aneignung des Zugewinns durch private Eigentümer und stellt demnach quasi eine Form gesellschaftlicher Eigentumsbehauptung dar. Der Abfluss von Zugewinn an die Gesellschaft wird dem Abfluss von Zugewinn an private Eigentümer vorangestellt und ist kraft Staatsgewalt somit die dominantere, wenngleich verschleierte Eigentumsbehauptung.
Nicht kann ein arbeitsloses Grundeinkommen aller Bürger, von einer Kaufmannschaft zur Debatte erhoben, das Trachten eines Produzenten sein, noch sind Akquisedaten und Verbraucherstatistiken für einen Produzenten von geschäftlichem Interesse. Produzenten wollen Halbzeuge oder Produkte herstellen und in die Gesellschaft hineinbringen. Dieses Hineinbringen geschieht in einer Marktwirtschaft über den Markt. Die "gesättigte Marktgesellschaft" freilich bedient sich gesammelter Akquisedaten und Verbraucherstatistiken, um mittels Massen-Manipulation zum Herrscher über Produzenten zu werden.
Größere Gesellschaften kommen nicht an größeren Strukturen vorbei. Diese wiederum erlauben eine komplexe Arbeitsteilung, die wiederum Spezialisten für eine Konzentration auf feinteilige Sachgebiete ermöglicht.
Nun geht aber der Gruppenansatz nach Emmy Noether davon aus, dass eine Gruppe mitnichten nur eine Menge von Individuen ist, sondern dass der definierende Bezug einer Gruppe eine Operationsfunktion über einer Individuenmenge ist.
Zusammenschluss ist wenig, Operationsvermögen erst macht die Gruppe.
Wenn nun Olson die Kollektive nach Größen unterscheidet und daraus resultierend die kollektive Qualität schlussfolgert, so ignoriert er die Noethersche Notwendigkeit der Operationsfunktion für die Gruppenbewertung. Doch weist seine Beobachtung insbesondere in einer Gesellschaft individueller Egoisten auf eine allgemeine Erscheinung, wonach die Motivation des Einzelnen zum Gruppenbeitrag umgekehrt proportional zur Gruppengröße ist (*22). Demnach wird es unwahrscheinlich, dass Gruppen von Menschen, die ein gemeinsames Ziel haben, sich in die Lage versetzen, dieses Ziel zu erreichen .
Olson und Schüler verkennen die Bedeutung der Moral als Mittel der Unterstellung des Individualismus' unter ein Gruppenziel.
Moral steht immer im Streit mit Individualismus.
Für diesen Widerspruch in Gruppen habe ich selbst auch keinen Lösungsweg, zumal: Kreativität erfordert Individualismus, dem widerstreitend Produktivität erfordert Disziplin.
Wenn die Aufgabe der Gruppe eine niedrige Komplexität hat, dann ist umfassender Chef sinnvoll. Jedoch bei komplexen und sich schnell ändernden Anforderungen ist jeder Chef überfordert, für eine Struktur mitzudenken. Frederic Laloux behauptet gar, dass kein komplexes System mit einer Hierarchie funktioniert (*23). Oder anders, eine Hierarchie kann eine komplexe Arbeitswelt nicht bewältigen. Der Abbau von Hierarchie muss aber keine Forderung nach Konsens erzwingen.
Konsens ist nur sinnvoll, wenn Zeit keine Rolle spielt. Zur Entscheidungsfindung ist durchaus ein Beratungsprozess geboten; sogar Experten dürfen befragt werden, und jene Arbeiter, die diese Entscheidung umsetzen sollen. Doch eine Verzögerung bringt keine größere Klugheit.
Weiterführende Literaturempfehlungen:
* Bauer, Robert: Zellwolle siegt, Leipzig 1937
* Bluma, Lars: Stoffgeschichte – Zellwolle, Mode und Modernität 1920–1945, Krefeld 2009
* Bode, Herbert: Entwicklung von Synthesefasern bei der Phrix AG, Frankfurt/M. 2002
* Bode, Herbert: Geschichte der Chemiefaserindustrie der DDR, Frankfurt/M. 1998
* Bodenbender, Gustav: Zellwolle – Kunstspinnfasern, Berlin 1937
* Broz-Tito, Josip: Rede auf der ersten Plenarsitzung der zweiten Session des Bundestages, Frankfurt/M. 1959
* Dokumente aus Hoechster Archiven, Vorbereitung des Zusammenschlusses der Interessengemeinschaft-Farbenindustrie im Jahr 1904, Nr. 9; Frankfurt/M. 1965
* Dominik, Hans: Vistra – Das weiße Gold, Leipzig 1936
* Kattinger, Detlef: Die Gotländische Genossenschaft, Wien 1999
* Kolakowski, Leszek: Leben trotz Geschichte, Zürich 1977
* Nowotny, Rainer: Wege aus Wachstumszwang und Zerstörung, Prenzlau 2021
* Rohmann, Angelika; Dobias, Peter; Mehić, Ahmet: Marktwirtschaftliche Transformation in Kroatien, 2015
* Ulrich, H. M.: Chemismus, Eigenschaften und Einsatz der textilen Faserstoffe und ihre Prüfung. In: Handbuch der chemischen Untersuchung der Textilfaserstoffe, Wien 1956
Zitierte Literatur:
(*1) Rörig und Kattinger weisen darauf hin, dass vor der Hanse die Lübecker Gotlandgilde stand, die Hanse wurde später das Aus dieser Gotlandgilde.
(*2) Freibeuter oder Kaperfahrer, berühmt ist Störtebekers Hinrichtung 1401
(*3) zurück zu den Idealen der Gothlandfahrer: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit
(*4) Amir Timurs gilt den Europäern als letzter Kahn mongolischen Plünderungszüge. Den Usbeken gilt er hingegen nicht als Mongole, sondern als turkstämmig und Begründer der usbekischen Nation. Er starb 1405.
(*5) Verhandlungsprotokoll 12.01.1904, in: Hoechst-Dokumente
(*6) Brief vom 11.12.1903 an von Brüning, in: Hoechst-Dokumente
(*7) Protokoll einer Besprechung der Vorstände 12.01.1904, in: Hoechst-Dokumente
(*8) Denkschrift über die Vereinigung der Teerfarbenfabriken, Elberfekd 1904
(*9) siehe Bauer S. 72
(*10) siehe Bluma S.84
--
(*21) Daviter, Gessner, Höland: Selbstverwaltungswirtschaft, Frankfurt 1977
(*22) Mancur Olson: Logik des kollektiven Handelns, Tübingen 1968
(*23) Frederic Laloux: Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit, München 2015
